Inkontinenzformen

 

Harninkontinenz            

Man unterscheidet verschiedene Formen der Harninkontinenz. Mit Hilfe einer genauen Diagnostik, gynäkologischer Untersuchung, Ultraschalluntersuchung und mit Hilfe eines Miktionsprotokolles sind die genaue Form und das Ausmaß der Inkontinenz zu bestimmen und die richtige Behandlung einzuleiten.

 

Belastungsinkontinenz:

Mit ca. 60 % ist die Belastungsinkontinenz die häufigste Harninkontinenzform. Bei dieser Form steigen unter körperlicher Belastung wie z. B. Husten, Niesen, Lachen oder Heben der Blasendruck und der Druck in der Harnröhre und es kommt zum unwillkürlichen Urinverlust.

 

Dranginkontinenz (Urge-Inkontinenz):

Das ist die zweithäufigste Inkontinenzform. Bei dieser Form von Dranginkontinenz kommt es durch ein unwillkürliches Zusammenziehen der Blasenmuskulatur zu einem unkontrollierbaren, nicht zu unterdrückenden Harnsdrang.

 

Mischinkontinenz:

In ca. 20 % der Fälle besteht eine Mischform von Stress- und Dranginkontinenz. Der Grad der Ausprägung der dominierenden Inkontinenzform bestimmt auch das therapeutische Vorgehen.

 

Refluxinkontinenz:

Durch neurologische Störungen, wie z. B. MS, Querschnittslähmung oder andere neurologische Erkrankungen, wird die Kontrolle des Blasensteuerungszentrums im unteren Teil des Rückenmarks von der zentralen Steuerung im Gehirn abgeschnitten. Blase und Schließmuskelfunktion lassen sich dann nicht mehr koordinieren und es kommt zu einem unwillkürlichen Urin- oder Stuhlabgang.

 

Überlaufinkontinenz:

Die Überlaufinkontinenz ist eine Störung der Blasenentleerung. Durch eine zu hohe Restharnmenge kommt es zum kontinuierlichen Druckanstieg in der Blase, die Blasenmuskulatur überdehnt sich und die Verschlussmechanismen sind überwunden. Die Folge ist ein ständiger Urinabgang in kleineren Mengen.

 

Stuhlinkontinenz

Unter Inkontinenz versteht man die Undichtigkeit des Schließmuskelsystems mit einer gestörten Fähigkeit Darminhalt oder Luft zurückzuhalten.

 

Zur Inkontinenz kann es auf verschiedene Weise kommen. Recht häufig besteht eine Inkontinenz sowohl für Stuhl als auch Urin auf Grund der Absenkung des Beckenbodens im Zuge einer Beckenbodenschwäche. Auch können nervale Läsionen, die sich im Gehirn und Rückenmark (zentrale Störung) oder in den Nervenfasern, die zur Schließmuskulatur ziehen (periphere Störung), eine Rolle spielen. Seltener findet sich die Ursache der Inkontinenz in einer Zerstörung der abdichtenden Muskulatur z.B. durch Fisteln, Verletzungen oder Tumore.

 

Die anale Inkontinenz wird nach der Unfähigkeit für das Halten von Luft,flüssigem Stuhl und festem Stuhl sowie der Häufigkeit der unfreiwilligen Stuhlabgänge in verschiedene Schweregrade eingeteilt, die anhand eines Patientenfragebogens ermittelt werden.

 

Die Inkontinenzdiagnostik ist ausgesprochen komplex,da mehrere Faktoren (sensorische,nervale und muskuläre Funktion, pathologische Veränderungen des Beckenbodens, psychogene Ursachen) berücksichtigt werden müssen.

Die Untersuchungen umfassen ein breites Spektrum von klinischer Untersuchung (Inspektion und Austastung der Analregion, Mastdarm- und Enddarmspiegelung), bildgebender Untersuchung (Ultraschall, endoskopischer Ultraschall, Magnetresonanztomographie, Röntgen des Mastdarms mit Kontrastmittel) und Funktionsuntersuchung (Defäkographie, urodynamische Untersuchung, Elektromyographie).

Nach Abschluß der Diagnostik werden die weiteren Behandlungsoptionen (konservativ oder operativ) in einem Gespräch dargelegt und erörtert.

 

In der Regel wird sich an die Diagnostik zunächst ein konservativer Therapieversuch anschließen. Hierdurch soll eine Kräftigung der Beckenbodenmuskeln und des Schließmuskels durch eine spezielle Gymnastik erfolgen, die mit Hilfe von speziell ausgebildeten Physiotherapeuten durchgeführt wird.

Die nächste Stufe stellt die Anwendung von Schwellstrom zur Kräftigung der Haltestrukturen des Beckenbodens sowie des Schließmuskels dar. Ein entsprechendes Gerät kann von der Krankenkasse leihweise zur Verfügung gestellt werden.

Als weitere Maßnahme kann durch ein gezieltes Übungstraining mit Hilfe eines Biofeedbackgerätes eine Besserung erzielt werden. Auch in diesem Fall erfolgt eine Einweisung durch speziell geschulte Physiotherapeuten.

Auch die Ernährungsgewohnheiten spielen eine wichtige Rolle. Besteht z.B. eine Inkontinenz bei weichen oder dünnflüssigen Stühlen kann durch diätetische oder medikamentöse Maßnahmen eine Besserung erreicht werden.

 

Nach Ausschöpfung aller konservativer Möglichkeiten ohne entsprechende Linderung der Beschwerden sind dann ggfs. operative Maßnahmen in Betracht zu ziehen.

Der Vorfall der Hämorrhoiden oder der Enddarmschleimhaut kann zu Stuhlschmieren und einer scheinbaren Inkontinenz führen. Hier kann durch eine Hämorrhoidenoperation Abhilfe geschaffen werden.

 

Bei direkten Schließmuskelverletzungen durch Enddarmeingriffe oder im Rahmen eines Dammrisses unter der Geburt ist eine operative Behandlung im Sinne einer Schließmuskelrekonstruktion sinnvoll.

 

Im Falle eines kompletten oder partiellen Mastdarmvorfalles bieten sich operative Verfahren an, die sowohl von anal als auch von abdominal (offen oder laparoskopisch) durchgeführt werden können.

 

Relativ neue Verfahren wie  die Implantation von Schrittmachern oder künstlichen Schließmuskeln bieten wir nicht an, dies sollte hierin erfahrenen Zentren vorbehalten bleiben.

 

Die letzte Möglichkeit bei ausgeprägter Stuhlinkontinenz besteht in der Anlage eines künstlichen Darmausganges. Nach Ausschöpfung aller anderen Verfahren und ständigem Abgang auch von festem Stuhl kann jedoch die Lebensqualität und Gesellschaftsfähigkeit der Betroffenen deutlich gesteigert werden.